Voraussetzung Nebenjob
SONG STORY #05: FRAU LEHMANN – DLF KULTUR WILL DASS WIR BRENNEN

Eine Rockmusikerin mit Nebenjob? Nicht möglich! Wer abends auf der Bühne steht, kann am nächsten Tag doch nicht Post ausfahren, an der Kasse eines Supermarkts Artikel scannen oder im Logistikzentrum von Amazon schuften. Oder etwa doch?

Mit solch existenziellen Realitäten befasst sich die Leipziger Band Frau Lehmann auf ihrem kürzlich veröffentlichten Debütalbum „Trost und Trotz“.

Das zentrale Stück der Platte trägt den etwas sperrigen Titel: „Deutschlandfunk Kultur will, dass wir brennen“. Der Song ist die Antwort auf ein im Radio ausgestrahltes Interview mit dem Buchautor Andre Jegdoka.

Dieser hatte im DLF sein neues Buch über den prekären Alltag vieler Musizierender vorgestellt. Die an Jegodka gerichtete Einstiegsfrage lautete dabei, ob ein Nebenjob nicht der Ausweis dafür sei, dass heutzutage niemand mehr so richtig brenne für die Musik.

Meritokratische Illusionen

Bandleaderin Fiona Lehmann erteilt solch meritokratischen Illusionen eine deutliche Absage.1 Die Realität in der Musikindustrie hat (wie so viele andere Bereiche unseres Lebens) mit dem Leistungsprinzip wenig zu tun. Der Alltag für die meisten Musikschaffenden ist ziemlich trist.

So nimmt uns die Songschreiberin zunächst mit in die Warteschleife der Künstlersozialkasse. Begleitet von schrammeligem Gitarrensound erklärt sie später, dass ihre Lohnarbeit für die Miete reiche. „Für Essen“ – im Musikvideo sehen wir sie mit drei Dosen Ravioli hantieren – „reicht es aber leider nicht.“

Um als Musikerin es sich überhaupt leisten zu können, Musik zu machen, ist man nicht nur auf Nebenjobs, sondern auch auf Fördermittel angewiesen.

Dies hat auch darin seinen Grund, dass auf den großen Streamingplattformen für die allermeisten Bands und Künstler:innen fast nichts herausspringt. Für 1.000 Streams gibt es bei Spotify nicht einmal 3 Euro.2

Eine Alternative zur Ravioli-Dose?

Wer Bands wie Frau Lehmann (ca. 2.500 monatliche Hörende auf Spotify) supporten möchte, sollte auf Konzerte gehen oder – noch besser – Tonträger und Merchandise kaufen.3

Unsere Streaming-Abos – dies ist wahrscheinlich kein Geheimnis mehr – dienen hingegen hauptsächlich den Interessen „durchgeknallter Milliardäre“ (Albrecht Schrader), deren Liebe zur Musik in Frage gestellt werden darf.

Und apropos Milliardäre: Sollten die drei Dosen Ravioli nicht genügen, hat Fiona Lehmann am Ende ihres DLF-Songs noch einen Menüvorschlag: „Wenn wir nichts zu Essen haben“, singt sie, „dann essen wir die Reichen.“

Fußnoten
  1. Fiona Lehmann im Interview mit dem Deutschlandfunk: https://www.deutschlandfunk.de/pop-prekariat-und-melancholie-debuetalbum-trost-und-trotz-von-frau-lehmann-100.html ↩︎
  2. https://musikerkanal.com/blog/spotify-geld-verdienen ↩︎
  3. https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/konzerttickets-sind-haupteinnahmequelle-fuer-musiker ↩︎

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