SONG STORY #01: COLDPLAY – SPIES
Kurz hab‘ ich mal in Berlin gewohnt. Zwei Monate. Für ein unbezahltes Praktikum. Dass man mir zumindest die Monatskarte der BVG erstattet, sehe ich damals, ganz zu Beginn der Zehnerjahre, als einen Akt äußerster Großzügigkeit.
Von meiner WG in Moabit nehme ich morgens im Halbdunkel den Bus zum Hauptbahnhof. Dort warte ich mit vielen anderen auf die S-Bahn, die sich gleich von der Friedrichstraße her zu uns hinüberschlängeln wird.
Bevor ich das gelb-rote Gefährt zu Gesicht bekomme, höre ich ein allmählich lauter werdendes unheimliches Fiepsen. Die ganze Aufregung, hier allein zu sein in einer fremden Stadt, scheint in diesem einen Geräusch aufzugehen.
Türöffner in ein neues Jahrtausend
Dass ich auch heute nicht vergessen habe, wie es klingt, wenn sich in Berlin die S-Bahnen nähern, habe ich Coldplay zu verdanken. Ja, Coldplay, dieser Hit-Maschine, die, ehe sie zu selbiger wurden, im Jahre 2000 ihr Debüt-Album „Parachutes“ veröffentlichten.
Auf „Parachutes“, das als eine Art Türöffner den Sound des beginnenden neuen Jahrtausends prägte, findet sich neben einer Reihe von zu Klassikern des Indie-Rocks gewordenen Stücken das unscheinbare Lied „Spies“.
Dessen erste zehn Sekunden holen mich augenblicklich zurück nach Berlin. Dieses Gefühl, eine Mischform aus Heimweh und Begeisterung, es ist sofort wieder da.
„What do I know? Show me right way to go!”, singt Chris Martin in „Spies” mit seiner charakteristischen, bis heute unverändert klingenden Chris-Martin-Stimme. Damals ist der Coldplay-Frontmann 23 Jahre alt. So alt wie ich zehn Jahre später am Berliner Hauptbahnhof.
Spione im Wasser
„Spies“ ist ein Stück über Angst und Paranoia, über Spione, die aus dem Wasser kommen und uns beobachten. „Spies“ braucht kein Spektakel – und doch beweisen die vier bis heute vereinten Bandmitglieder Martin, Berryman, Buckland und Champion hier bereits ihr ganzes Können.
Wer sich auf „Spies“ einlässt, hört das Wellen schlagende Wasser, hört das Plätschern eines Regens – und hört, sobald Drummer Will Champion endlich loslegen darf, die inneren Aufwallungen, die inneren Kämpfe. All dies ohne Aufhebens musikalisch auszugestalten, in einer für ein Debüt-Album geradezu unheimlich-nüchternen Abgeklärtheit – das ist und bleibt meisterhaft.
Am Ende des Songs obsiegt die Zuversicht. Die Spione sind da – aber: es sind bloß Spione. Und vielleicht geht es mir damals, beim Einsteigen in die Berliner Bahn, ja ähnlich. Die Ängste sind da – aber: es sind bloß Ängste. Und die Bahn, sie wird mir den Weg schon weisen.


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