Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys – Live in Fulda (24.06.2024)
Es ist ein perfekter Sommerabend. Simon und ich sitzen in der Abendsonne am Universitätsplatz in Fulda und essen Halloumi im Fladenbrot. Um uns herum junge Menschen in Hawaii-Hemden, in enganliegenden Fahrradtrikots, mit Sonnenbrillen. Da scheint die Frage erlaubt: Warum sind wir eigentlich hier?Besuchen wir gleich tatsächlich ein Schlagerkonzert?
Wir pilgern mit der Menge in den direkt neben dem Universitätsplatz liegenden Innenhof des Vonderau Museums, kurz: den Museumshof, der im Sommer für Open-Air-Konzerte genutzt wird. Hier werden in knapp einer Stunde Roy Bianco und die Abbrunzati Boys auftreten. Und wir sind dabei! Wow!
Eine unwiderstehliche Einladung
Gegründet haben sich Roy Bianco und die Abbrunzati Boys 1982 in Sirmione am Gardasee – in den Folgejahren haben sie den Italo-Schlager international populär gemacht, nicht zuletzt auf dem großen Schlager-Festival in Rio 84. Nach ihrer Trennung Ende der 90er kam es 2016 zum umjubelten Comeback.
In dieser zwar fiktiven, aber konsequent erzählten Bandgeschichte liegt sicher schon ein Schlüssel für ihren Erfolg. Wer sein Debüt-Album »Greatest Hits« nennt und vorgibt, auf eine 40-jährige Bandgeschichte zurückzublicken, obgleich keiner der Bandmitglieder über 40 ist, der versendet doch eine unwiderstehliche Einladung an all seine Fans. Tut es uns gleich, scheinen sie zu sagen, und richtet euch wie wir an einem Ort voller Fiktionen behaglich ein.
Vielleicht sollte man also sagen: Während Roy Bianco die Rolle eines Schlagerstars spielt, spielen Simon und ich die Rolle seiner Fans.
Hat hier jemand „Helene Fischer“ gesagt?
Die Challenge wird sein, da sind wir uns einig, sich dabei nicht die ganze Zeit von oben herab zu beobachten. Also beobachten wir lieber die anderen, die den Weg hier her gefunden haben. Junge Menschen, aber auch Ältere, Pärchen, Frauen- und Männergruppen. Die große Frage: War hier schon mal jemand auf einem Helene-Fischer-Konzert?
Wir stellen uns in eine der langen Schlangen am Getränkestand. Soll ich ein Bier nehmen oder doch den hier in Unmengen bestellten Aperol Spritz? Vielleicht könnte der Spritz helfen, den Selbstbeobachtungsmodus auszustellen?
Ein kräftiger Typ mit weißer Basecap (Schriftzug Bianco) und Hawaii-Hemd drängt sich von der Seite in die Getränke-Schlange, um für seine Jungsfreunde Nachschub zu holen. Der geht ganz bestimmt zu Helene, denke ich.
Als wir endlich an der Reihe sind, ist uns der Aperol doch etwas zu hochgegriffen, also bestellen wir Bier. Ob es so gelingt, unsere vorgesehene Rolle glaubhaft zu spielen?
Horse-Trance zum Auftakt
Als Support tritt um Punkt 20 Uhr Luis Ake auf, ein superjunger Typ, der einen Cowboyhut trägt und erzählt, ihm sei am Morgen sein Pferd entlaufen. Im Halbplayback trägt er uns trashigen Trance vor. Er rennt über die Bühne, parliert über die Liebe und holt später eine Panflöte hervor. Puh! Aber ist es überhaupt möglich, Vorband von Roy Bianco zu sein?
Es muss etwas passieren. Also entscheiden wir uns, noch ein zweites Getränk zu holen. Leider sind die Schlangen vorm Getränkestand noch immer unendlich lang und verworren. »Steht ihr auch an«, fragt uns ein junger Typ hinter uns. »Ja, wir versuchen es.«
Der Typ hinter uns ist im Auftrag einer größeren Gruppe da, in der Hand hält er einen Stapel von sieben oder acht Bechern. »Und woher seid ihr?«, fragt Simon und zeigt auf die Becher. »Thüringer Wald«, sagt der Typ. Eigentlich sei’s gar nicht so weit weg von ihr, aber die Anbindung … sie haben mit einem gemieteten Kleinbus anderthalb Stunden über Landstraßen fahren müssen.
»Und ihr?«, fragt er. »Frankfurt.« Das sei ja was ganz anderes, sagt der Typ, und stellt sich als Jan vor. Jan trägt einen hipsteresken Oberlippenbart und ein blumenreiches Hemd. Während er spricht, macht er mit seiner linken Hand immer wieder seltsame Bewegungen. Das ist mir zu heikel, scheint seine Hand zu sagen, oder: Ich schneide dir gleich die Kehle durch.
Geschichten aus dem Thüringer Wald
Ungefragt erzählt Jan von der Herfahrt im Kleinbus. Die Jungs da drin, seine Bekannten aus Thüringen – er hebt den Stapel Becher in die Höhe – die seien ganz anders als die Leute in den westdeutschen Großstädten. Dass sie auf der Fahrt hin und wieder ausgerechnet links hätten abbiegen müssen, sei für sie schwer hinzunehmen gewesen. Und dann in Fulda, überall Ausländer auf den Straßen. Der Fahrer, so erzählt Jan weiter, habe schließlich gefragt, ob irgendjemand im Bus nicht rechtsradikal sei. Alle hätten geschwiegen.
So mache man das eben mittlerweile in seiner Heimat, erklärt Jan. Seine Hand wedelt hin und her. Entweder man bekenne sich offen zur Rechten oder man sei einfach still. Eine Schweigespirale.
»Aber das so viele nach rechts driften, hat ja auch Gründe«, sage ich, nachdem ich die Hoffnung aufgegeben habe, dass sich Jans Geschichte als Fiktion herausstellt.
»Ja, klar«, sagt Jan schließlich. »Wir fühlen uns abgehängt und ignoriert. Welchen Sinn bitte macht ein 49-Euro-Ticket im Thüringer Wald, wo kaum ein Bus fährt? Aber«, und das sei der zweite Punkt »viele fühlen sich auch einfach immer fremder im eigenen Land. Zu viele Ausländer, Flüchtlinge.«
Gerade als wir nur noch wenige Meter vom Getränkestand entfernt stehen, ertönt eine Melodie, Jubel brandet auf. Simon und ich sehen uns an. »Wir lassen’s mit dem Bier«, sagt Simon, denn wir seien ja schließlich wegen der Show und nicht wegen der Getränke hier. Wir verabschieden uns von Jan, der in der Schlange stehen bleibt. Seine Leute, die direkt vor der Bühne in der ersten Reihe warten, muss er schließlich beliefern. »Mach’s gut«, sage ich und klopfe ihm auf die Schulter.
Große Gesten, Konfettikanonen
»Auf der Brennerautobahn seh‘ ich uns nach Süden fahren / Halte Deine Hand und weiß, jetzt ist es gut.« Roy Bianco und seine Boys stehen aufgereiht auf der Bühne, Roy singt mit großer Geste. Er trägt einen weißen Anzug, darunter ein Leopardenhemd, die anderen sind nicht weniger skurril gekleidet. Mit dem ersten Kick schießt eine Konfettikanone Unmengen an weißen Papierschlangen in die Luft. Die Menge jubelt – und auch ich fange ein paar Papierstreifen auf.
Simon und ich verfolgen von unserem Platz im hinteren Drittel des Innenhofes, wie die Show allmählich Fahrt aufnimmt. Wir klatschen und singen – und staunen als sich der sagenumwobene Schlagerstrudel in der Mitte des Publikums zu bilden beginnt.
Und dennoch, ganz verknüpft mit der Menge fühlen wir uns nicht. Ob es am fehlenden Aperol Spritz liegt oder am Gespräch mit Jan, der den Horse-Trance-Musiker Luis Ake trotz aller selbstbescheinigter Weltoffenheit beiläufig als Schwuchtel bezeichnet hatte?
Was denkt Jan gerade, frage ich mich, während sich Roy und der Blechkofler – der Trompeter der Band – einen zärtlichen Kuss auf den Mund geben? Und was denken die Leute aus dem Kleinbus, die in der ersten Reihe stehen? Warum zur Hölle sind die überhaupt hier? Hätten die nicht einfach zu einem echten Schlagerkonzert gehen können?
Eine heile Welt ohne Geschichte
Roy Bianco singt jetzt »Bardolino« und läuft dabei auf einem unsichtbaren Laufband. Nach dem Song macht er eine seiner Zwischenmoderationen, vermeintliche Pointen markiert er mit einem aufgesetzten, harten Lachen. Wir seien die besten Fans, die er heute erlebt habe, sagt er – doch das Publikum scheint kaum zuzuhören und nur auf den nächsten Song zu warten.
Dann ertönt der erste Akkord von »Und wenn sie singt« – ein schöner im Dreivierteltakt gehaltener Song, der die 2.000 Versammelten augenblicklich zum Hin- und Herwiegen verleitet. »Eine heile Welt ohne Geschichte, genau da liegt das flüchtige Glück.« Man will sich jetzt umarmen und den Moment für immer festhalten.
Das Publikum pendelt von links nach rechts, man fasst einander um die Schultern – und ich denke noch einmal an die Leute aus dem Kleinbus, an ihre Verachtung und ihren Hass. Und so sehr ich mir auch wünschte, sie wären nicht hier, sie sind es – als Teil desselben fiktiven oder auch nicht fiktiven Schlagerkonzerts.
Alles wird wieder gut?
Der Abend dämmert, Schwalben fliegen über unsere Köpfe, die Bühne erleuchtet in stimmungsvollem Rot. Und Roy und seine Boys spielen jetzt ihren großen Hit »Bella Napoli«, eine Hymne auf die Sehnsucht, eine Hymne auf die Liebe. »Ein bisschen Glück liegt im Schatten des Vesuvs«, heißt es in der Bridge, »ein Blick von dir und ich weiß, alles wird wieder gut!«
Ja, alles wird wieder gut. Welch traumhafte Anmaßung! Als Roy zum Refrain ansetzt, spüre ich eine Art von Leichtigkeit. Die Melodie: eine Gänsehaut. Simon und ich schauen einander an, singen und lachen und tanzen und selbst der Schlagerstrudel, plötzlich erstaunlich nah, wirkt nicht mehr ganz so bedrohlich.

Es ist halb 11, als die Band zu ihrem letzten Song auf der Setlist ansetzt. Wie zu erwarten, ist es »Weiße Rosen«, das Schlussstück des neuen Albums, ein an sich selbst verzweifelndes Liebeslied, ein herrlich instrumentiertes, kleines Aufbegehren gegen die Vergänglichkeit unserer Welt.
Jetzt wäre endgültig der Zeitpunkt, denke ich, einander in die Arme zu fallen, gemeinsam zu weinen und uns alles zu verzeihen.
Zurück in die echte Welt
Doch Simon und ich haben uns vorgenommen, einem Stau am Ausgang und im Parkhaus zu entgehen. Also verlassen wir den Museumshof, während Roy noch ein letztes Mal den Refrain des Liedes schmettert.
Die Weißen Rosen, die zum großen Finale ins Publikum geschossen werden, verpassen wir. Doch dafür können wir ungehindert am Parkautomaten bezahlen und schließlich zurück Richtung Frankfurt fahren – das ist es uns, zurück in der echten Welt, dann irgendwie wert.


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