Ein bisschen weg, ein bisschen da
Die Höchste Eisenbahn – Live in Heidelberg (21.11.2025)

„Keine Ahnung, was das war“, singt Francesco Wilking am 19. Mai 2011 um 8:55 Uhr im ZDF-Morgenmagazin. „Ich bin ein bisschen weg, ich bin ein bisschen da.“

Während das Publikum im Berliner MoMa-Café höflich mitklatscht, sitzt in Mainz ein 24-jähriger Germanistikstudent vorm Fernseher – und fühlt sich unmittelbar von diesem Typen mit seinen strubbeligen Haaren und seinen unfrisierten Texten angesprochen.

Klar ist es etwas peinlich, einen Musiker morgens im ZDF zu entdecken. Aber hey, es ist 2011, Spotify gibt’s in Deutschland noch nicht und das lineare Fernsehen ist – wenn auch in seinen letzten Zügen – noch am Leben.

Statt weiter in den „Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“ von Wilhelm Heinrich Wackenroder zu lesen, geht der junge Student in die Stadt. Denn auch die Innenstädte sind – wenngleich ebenfalls in ihren letzten Zügen – noch am Leben. Im großen Elektromarkt findet er schließlich Wilkings soeben erschienene CD. Das Werk trägt den schönen Titel „Die Zukunft liegt im Schlaf.“

Auf zum Karlstorbahnhof nach Heidelberg!

Mit dieser Geschichte im Kopf, ein bisschen weg, ein bisschen da, fahren mein Konzertkollege Marcus und ich – es ist 2025 – über die winterlich-dunkle Autobahn nach Heidelberg. Dort spielt heute Die Höchste Eisenbahn. Gegründet von Moritz Krämer und Francesco Wilking – vor 14 Jahren, kurz nach Wilkings Auftritt im Morgenmagazin.

Dass Die Höchste Eisenbahn ausgerechnet im Karlstorbahnhof aufspielt, gibt dem Ganzen schon vor Beginn des Konzerts eine amüsante Note. Eisenbahn – Bahnhof. Passt das nicht auch zum Humor, der mich damals vor anderthalb Jahrzehnten – das CD-Booklet mitlesend – beim Hören der Wilking-Lieder gleich begeisterte?

„Ist Musik noch unser Ding?“

Der musikalische Anpfiff für diesen Abend obliegt dem als Support-Künstler mitgebrachten Albrecht Schrader, der Marcus und mich, die eben noch in der Eiseskälte in der Schlange gestanden haben, mit subtilem Witz und feinem Klavierspiel schnell erwärmt.

„Ist Musik noch unser Ding?“, singt Schrader fragend mit Blick auf eine Welt voller Plattformen, die hauptsächlich den Interessen „durchgeknallter Milliardäre“ dienen. Wer Musizierende unterstützen möchte, sollte, so der Subtext, statt zu streamen lieber an den Merch-Stand. Oder – wenn’s die noch gäbe – in die Stadt, denke ich in einem Anflug von Nostalgie.

Doch für Gedanken darüber, welchen Streaming-Account wir denn nun als erstes löschen, bleibt keine Zeit, denn plötzlich stehen Francesco Wilking, Moritz Krämer, sowie die beiden 2012 zur Band gestoßenen Felix Weigt und Max Schröder auf der Bühne. „Ich komm gleich nach“, spielen die vier Musiker zum Auftakt. Ein bisschen weg, ein bisschen da.

Wen sehen wir, wenn wir einander betrachten?

Kraftvoll und energisch entfalten Wilking, Krämer & Co. mit jedem Stück ihre Bühnenpräsenz ein wenig mehr. Wenn Wilking am Keyboard sitzt und singt, macht er mit seinen Beinen wippende Bewegungen, als wolle er sich augenblicklich in die Höhe katapultieren. Beim herrlich-ironischen „Timmy“ koordiniert er die knapp 400 Gäste beim gemeinsamen Singen und Lachen. Die Einheit zwischen Band und Publikum scheint jetzt unverbrüchlich.

Auch wenn der Fokus auf den Songs des neuen Albums liegt, das den knappen Titel „Wenn wir uns wiedersehen schreien wir uns wieder an“ trägt, werden auch immer wieder ältere Stücke gespielt. „Die sitzen wie ’ne Eins“, erklärt Felix Weigt, um augenzwinkernd hinzuzufügen, dass diese zu spielen auch viel mehr Spaß macht. Zum Glück lässt Weigt uns an diesem, aus vergangenen Freuden erwachsenen Spaß teilhaben und beglückt uns mit einem tollen Bass-Solo auf der Power-Ballade „Isi“.

Der Abend macht deutlich, wie vielseitig die vier Musiker sind. Ein jeder kriegt – egal an welchem Instrument – seinen Raum. Max Schröder, die Konstante am Schlagzeug, brilliert unter anderem auf der anrührend-schönen Herzensergießung „Ich seh Dich an und ich seh‘ mich“. Eine gute Frage, denke ich: Wen sehen wir eigentlich, wenn wir einander betrachten?

Auf dem Boden des Konzertsaals

Eines der Highlights des Abends ist – wenig überraschend – der nach vorne peitschende Klassiker „Was machst du dann?“, dem Wilking & Co. einer vermeintlich jähen Idee folgend auf einmal jeglichen Schwung entziehen. Während das Publikum tanzen und hüpfen möchte, drosseln die vier Bandkollegen mit sichtlicher Freude ihr Spieltempo – und ganz allmählich beginnt Wilking von seinem Keyboard-Stuhl zu sinken.

Während wir es ihm nachtun und uns jetzt alle in der Hocke auf dem Boden des Konzertsaals befinden, denke ich mich zurück in die Zehnerjahre. „Was machst du dann?“ habe ich das erste Mal auf einer – sorry – gebrannten CD gehört. Ein Mix-Tape auf Polycarbonat, zusammengestellt von einer Freundin.

Jetzt endlich dürfen wir uns wieder aus der Hocke lösen und in die Lüfte springen. Als das Lied zu Ende ist und die Musiker sich verbeugen, schauen Marcus und ich uns klatschend an. Wir nicken uns bestätigend zu. Die Fahrt nach Heidelberg hat sich zweifellos gelohnt.

Nach drei Zugaben – inklusive der lauthals geforderten Hitsingle „Bürotage“ – findet das Konzert schließlich zu seinem Ende. Marcus und ich beeilen uns, um rasch an den Merch-Stand zu gelangen, um uns (vorbei an den Interessen der Milliardäre) mit Stofftaschen, Plakaten und – als hätten wir 2011 – einer CD des neuesten Albums einzudecken.

Zurück in den Minustemperaturen der Heidelberger Nacht denke ich noch einmal an Wilkings Auftritt im Morgenmagazin – und an den Studenten vorm Fernseher. Ein bisschen weg, ein bisschen da. Wir sind längst auf der Autobahn. Und ich habe nicht die geringste Ahnung, was das gerade war.


2 Antworten zu „Ein bisschen weg, ein bisschen da“

  1. Avatar von Bodo
    Bodo

    Unglaublich!, wann machst du das alles?

    1. Avatar von Robin_Baller

      Wann immer es möglich ist! 🙂

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