SONG STORY #07 – JOHN LENNON: „WATCHING THE WHEELS“
Im Jahr 2017 endet meine verlängerte Jugend. Ich bin 30 und befürchte, nun endgültig erwachsen zu sein. Die Dinge einfach laufen zu lassen, scheint keine Option mehr. Der Unernst des Lebens – vorbei.
Während ich mit solcherlei Gedanken von meinem neuen Wohnort Bonn ins benachbarte Troisdorf fahre, um dort in die Rolle einer Führungskraft zu schlüpfen, rotiert im CD-Spieler meines polarweißen Citroën C4 „Double Fantasy“ von John Lennon und Yoko Ono.
„Double Fantasy“ ist das siebte Studioalbum des Ex-Beatle. Es ist am 17. November 1980 erschienen – und markiert damit nach fünf Jahren Sendepause das Comeback des 40-jährigen Liverpoolers, der zu diesem Zeitpunkt seit fast zehn Jahren mit seiner Frau in New York lebt.
Comeback einer Beziehung
Der Titel des Albums ist ein Verweis auf dessen dialogische Struktur, in der Lennon- und Ono-Songs miteinander im Wechsel kommunizieren. In einem Kuss verschlungen ist das berühmte Paar auf dem Cover zu sehen. „Double Fantasy“, so lässt sich vermuten, ist auch das Comeback einer Beziehung.
Ich selbst sehe mich im Jahr 2017 weniger vor einem Comeback als vielmehr auf dem Pfad der Vernunft. Beginnen meine Freunde nicht gerade zu heiraten? Und hat meine kleine Schwester nicht sogar schon ein Kind auf die Welt gebracht? Geziemt es sich da nicht zumindest Filialleiter einer Buchhandlung zu sein?
Ich fahre und nicke mit dem Kopf im Takt der Musik. In einen wirklichen Flow komme ich dabei nur selten. Das sind wohl die Schattenseiten dieses doppelperspektivischen Ansatzes. Glaubt man sich eingegroovt, droht man bereits an der nächsten Abbiegung aus der Kurve zu fliegen.
Gibt es eine Möglichkeit auszusteigen?
Dennoch finde ich schon bald meinen Lieblingssong auf dieser von einigen Kritikern als Übergangswerk herabgewürdigten Platte.1 Es ist das hinreißend vor sich hin rollende „Watching The Wheels“, das einen Nerv bei mir trifft und mir noch heute einen wohlig-warmen Schauer über den Rücken laufen lässt.
Denn während ich 2017 beginne, den erfolgreich-männlichen Vollzeit-Leistungsträger darzustellen, rechnet Lennon 37 Jahre zuvor aus der Warte des Weltstars mit ebenjener Vorstellung von Männlichkeit ab.
Begleitet von der gemütlich kreisenden Klavierbegleitung frage ich mich: Muss ich wirklich immer weiterrasen? Gibt es eine Möglichkeit auszusteigen? Und kann ich nicht wie John das Prinzip „Doing Time“ befolgen und einfach Zeit verplemern?
Rückzug, Neuerfindung, Tod
„Watching The Wheels“, entstanden zwischen 1977 und 1980, verarbeitet eine wechselvolle Phase im Leben des Künstlers.2 Viele Themen klingen an: Sein Rückzug aus dem Rampenlicht, seine zweite Vaterschaft, seine Gedanken zu patriarchal geprägten Rollenbildern – und seine Neuerfindung.
Dass der sich neuerfindende John keine Zeit mehr bekommt und „Double Fantasy“ somit weder ein Comeback noch ein „Übergangswerk“ ist, sondern vielmehr die letzte zu Lebzeiten veröffentlichte LP, ist die Tragik, die mich damals wie heute beim Hören der Songs überwältigt.
Drei Wochen nach Veröffentlichung des Albums, am 8. Dezember 1980, wird John Lennon auf offener Straße erschossen. Er kann dem hektischen Treiben, dem unendlichen Rollen der Räder, nicht mehr zusehen.
Anders als ich. Anders als wir. Die wir durch die Gegend eilen und noch immer glauben inmitten dieses hektischen Treibens gefangen zu sein.


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