Die Geburtsstunde eines Autors

Es war im Herbst des Jahres 2013, als ich einen Anruf erhielt. Man wolle mir einen Preis verleihen, sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung. Wie bitte? Was? Den Martha-Saalfeld-Förderpreis?

Natürlich hätte mir niemand einen Preis verliehen, hätte ich mich nicht einige Monate zuvor darum beworben. Doch da ich schon aus Gründen der Wahrscheinlichkeit nicht damit rechnete, zu den Auserwählten zu zählen, musste ich mich am Telefon zunächst mal sortieren. Ich? Wirklich?

Doch ja, so war’s – und kaum hatten wir das Gespräch beendet, rannte ich jubelnd durch meine Wohnung, und fühlte mich dabei ein wenig wie der wild mit seinen Fäusten fuchtelnde BVB-Trainer Jürgen Klopp nach dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft.

Bodmin Paris

Dass ich mich aufs literarische Schreiben fokussierte und ich – wann immer es ging – leere Word-Dokumente befüllte, hatte sich erst in den letzten zwei, drei Jahren herauskristallisiert. Zuvor hatte ich lange Musik gemacht und mich dann – mit dem Beginn meines Studiums – vor allem dem aufregenden Mainzer Partyleben gewidmet.

Doch der Reiz, mich schreibend auszudrücken, war immer größer geworden. Denn waren meine Schreibprojekte nicht der perfekte Ort, all die persönlichen Verstrickungen und Verwicklungen, die mich begleiteten, zu verarbeiten?

Als ich Anfang 2013 mit meinem neuen Projekt „Bodmin Paris“ begann, hatte ich im Erfinden von Figuren, im Modellieren von Dialogen bereits ein wenig Übung. Auch wenn es sich manchmal noch etwas seltsam anfühlte, ewig vorm PC zu sitzen und zu schreiben, glaubte ich, jetzt bereit zu sein, mich der Welt da draußen zu öffnen.

Da mir der Anfang von „Bodmin Paris“ gefiel, suchte ich einige Wettbewerbe heraus und schickte den Text an verschiedenen Stellen ein – auch an die Jury des vom Land Rheinland-Pfalz ausgelobten Martha-Saalfeld-Preises.

Ich, 2014, ein paar Monate nach der Preisverleihung. Foto: (c) Isabelle Winkler

Festlich in Landau

Sechs Wochen nach jenem folgenreichen Anruf fuhr ich nach Landau, in die Geburtsstadt der namensgebenden Lyrikerin, von der ich jedoch offen gestanden noch nie etwas gehört, geschweige denn gelesen hatte.

Im Rahmen einer kleinen Zeremonie – ein jeder erhielt eine kleine Laudatio – überreichte man Ramona Raabe, Richard Weber, Rainer Wieczorek und mir die von der Kultusministerin unterzeichneten Urkunden.

All dies hatte etwas Surreales, etwas Rauschhaftes. Das öffentliche Interesse, Fotos, Presseartikel. Die um Volksnähe bemühten Politfunktionäre. Die Möglichkeit, vor Publikum einen Auszug aus meinem soeben ausgezeichneten und noch nicht einmal abgeschlossenen Romanprojekt vorzulesen.

Die vermeintliche Visitenkarte

Doch was geschah eigentlich wirklich? Was war die Essenz dieses verrückten festlichen Ereignisses? War dies mein Durchbruch? Der Anfang einer glorreichen Erfolgsgeschichte? Der erste Schritt auf dem Weg zu meinem großen Traum, einen Roman bei einem Verlag unterzubringen?

Dass dem so sei suggerierten mir all jene Menschen, die mir an diesem Abend in Landau begegneten. Neben der Urkunde und einem gutem Pfälzer Riesling gaben sie mir mit, dass dieser Preis meine Visitenkarte sei. Mit der müsse ich bloß wedeln – und der Verlagsvertrag sei schon so gut wie unterschrieben.

Dies stellte sich jedoch als Irrtum heraus. Denn die Verlage schienen für „Bodmin Paris“ keine Verwendung zu haben. Da konnte ich noch so viel mit meiner Visitenkarte wedeln. Für dieses kurze, luftige Prosastück mit seinen ineinander fallenden Zeitebenen (inspiriert von Christopher Nolans „Inception“) war in den Programmen kein Platz.

Alles umsonst?

Doch umsonst war all das trotzdem nicht. Denn erfüllt von schönen, heute schon halb verschwommenen Erinnerungen (und einem Preisgeld von 2.500 Euro), verließ ich Landau am nächsten Tag ein wenig verändert.

Die Angelegenheit, das merkte ich erst später, hatte mich über eine gewisse Schwelle der Selbstwahrnehmung gehoben. Mein Selbstverständnis war fortan nicht mehr dasselbe.

Denn seit jenen Tagen im Herbst 2013 weiß ich es: Ich bin Autor. Ich schreibe, weil ich die Dinge da draußen verstehen will. Weil ich mich selbst verstehen will. Ich schreibe, weil ich gar nicht anders kann.

Und wer weiß – vielleicht erblickt „Bodmin Paris“ ja irgendwann doch noch das Licht dieser Welt.


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