SONG STORY #04: DEICHKIND (FEAT. NINA) – BON VOYAGE
„Ich habe Angst zu sterben, ohne einmal wirklich glücklich gewesen zu sein.“ Diesen Satz habe ich am 15. Februar 2012 in einer Kurzgeschichte notiert. Irgendwann zwischen halb 11 und kurz vor Mitternacht.
Der Text, den ich damals in meinem Mainzer WG-Zimmer in meine Tasten tippe, widmet sich im Vordergrund einer komplizierten Beziehung zwischen zwei ziemlich jungen Menschen.
Der Protagonist ist ein sinnsuchender Taugenichts, der im Begriff ist, die Zuneigung seiner energiegeladenen Freundin leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Auf dem Weg in den Urlaub lasse ich meine beiden Hauptfiguren „Bon Voyage“ von Deichkind hören.
Vom „whacken“ Act zum Publikumsmagneten
Die Hit-Single „Bon Voyage“ aus dem Jahr 2000 markiert das erste Kapitel einer wandlungsreichen Band-Geschichte. Vom Rap-Magazin „Juice“ kurz darauf zum „whacksten Hip-Hop-Act“ gekürt, füllt diese schwer auf ein Genre festzulegende Crew schon bald die größten Hallen des Landes.
Dass ich damals über Deichkind schreibe, hat auch mit dem Tod zu tun. Denn drei Jahre zuvor stirbt Sebastian Hackert, Produzent der zunächst dreiköpfigen Formation um Philipp Grütering, Bartosch Jeznach und Malte Pittner. Die Nachricht seines plötzlichen Todes bringt mich damals völlig aus der Fassung.
All meine Empörung über die Ungerechtigkeit jenes Schicksalsschlages lasse ich ungefiltert in meinen jammernden Protagonisten fließen, der wie ich nicht verstehen will, dass ein solch früher Tod – mit gerade einmal 32 Jahren – überhaupt erlaubt ist.
Knisternder Hedonismus, düstere Scherze
Für die verbliebenen Mitglieder stellt sich nach diesem furchtbaren Ereignis die Frage, ob es musikalisch überhaupt noch weitergehen kann. Sind die exzessiven Sprachspiele, die bizarren Kostüme, dieser anarchistische Humor mit dem Tod des langjährigen Kollegen übereinzubringen?
Am 10. Februar 2012 – fünf Tage, bevor ich meinen Text über Deichkind schreibe – erscheint das vierte Album der Hamburger Band. Die Entscheidung, dass es trotz Hackerts Tod weitergeht, ist damit in hörbare Form gebracht. „Befehl von ganz unten“ heißt das damals neue Werk.
Das Album ist gespickt mit elektronisch knisterndem Hedonismus und düsteren Scherzen, die die Absurditäten und Schieflagen der Zeit ungeniert auf den Punkt bringen. Und doch schimmert in der subtilen Unheimlichkeit eines jeden Deichkind-Songs auch das Abgründige durch, der Tod, das Nichts.
Vielleicht spürt dies auch der naive Protagonist meines Textes, der die Endlichkeit des Lebens zur Begründung nimmt, um im Hier und Jetzt schamlos alles mitzunehmen. Fatalerweise übersieht er, dass er dabei den wichtigsten Menschen an seiner Seite verliert.
Der nächste Schicksalsschlag
Dass ich heute, im Jahr 2026, erneut über Deichkind schreibe, hat wieder mit dem Tod zu tun. Denn vor drei Monaten ist Malte Pittner im Alter von 48 Jahren gestorben. Er war Gründungsmitglied und kreativer Kopf der ersten beiden Alben, ehe er die Band 2006 verließ.
Pittner ist tot. Doch sein Genie und seine unter anderem in der ersten Strophe von „Bon Voyage“ zu hörende Stimme werden bleiben – als Teil des Gesamtwerks einer der wichtigsten deutschsprachigen Bands unserer Zeit.
Dieser Text ist Malte Pittner und Sebastian Hackert gewidmet.


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