Das Gefühl von Freiheit
SONG STORY #08 – KINGS OF LEON: „THE BUCKET“

Auf den Straßen sah es damals noch ganz anders aus. Die heute nicht mehr wegzudenkenden SUVs machten Ende der Nullerjahre gerade einmal 7 % der Neuzulassungen aus. Die Autos hießen Twingo, Clio, Polo und Corsa, sie waren klein, bunt und freundlich.

An einem heißen Tag im Sommer 2009 saß ich auf der Rückbank eines dieser mit fröhlichem Scheinwerfer-Blick über den Asphalt rasenden Kompaktwagen. Neben mir hatte mein Freund Sebastian Platz genommen, vorne saßen Sarah und Zuzana.

Unsere Namen sprachen wir englisch aus. Denn immerhin hatten wir uns in dieser Konstellation erst vor kurzem in einem Englisch-Sprachkurs kennengelernt, in den wir uns aus einer Mischung aus Langeweile und Lernwillen eingeschrieben hatten.

Im Sprachkurs alberten wir herum, meinen löchrigen Wortschatz hatte ich bisher kaum gefüllt. Statt ins Sprachcafé gingen wir lieber in den Irish Pub – oder ruckelten in Sarahs rotem Clio lachend durch die Hitze der Stadt.

Die feinen Unterschiede

Dank des Fahrtwindes flatterte mir Sarahs Haar beinahe ins Gesicht. Durch den Zwischenraum ihrer Kopflehne sah ich ihren im Takt der Musik auf und ab wippenden Hinterkopf. Vor ein paar Tagen hatten wir angefangen, einander SMS zu schreiben.

Wie cool Sarah war, die neben dem Studium kellnerte, war auch an ihrem Musikgeschmack erkennbar. Denn auch wenn es zwischen 2005 und 2010 zum guten Ton gehörte, britischen und amerikanischen Indie-Rock zu konsumieren, spielte es doch eine Rolle, was genau man hörte.

Und selbst wenn die Band die richtige war, kam es auf die feinen Unterschiede an. Das galt auch für die Kings Of Leon, die sich zu Beginn dieses letzten Kleinwagen-Jahrzehnts – bestehend aus den drei Brüdern Caleb, Jared und Nathan Followill und ihrem Cousin Matthew Followill – gegründet hatten.

In den ersten Jahren veröffentlichten sie drei ikonische Alben, die jedoch damals kaum jemand hörte. 2008 gelang ihnen mit „Only By The Night“ und ihrem Über-Hit „Sex On Fire“ schließlich der Durchbruch. Für die Fans der ersten Stunde waren sie ab sofort an den Mainstream verloren.

Aus Mainz wird Nashville

Dass ich diese vermeintlichen Mainstream-Songs überaus mochte und die vier Followills zuvor gar nicht gekannt hatte, traute ich mich vor den anderen nicht zu sagen – erst recht nicht vor Sarah. Denn in ihrem Auto liefen natürlich nur die alten Sachen der vierköpfigen US-Band.

Während ich noch immer darauf wartete, von einer ihrer Strähnen gestreift zu werden, drehte Sarah das Autoradio noch etwas lauter. Es lief nun „The Bucket“, das mir schon nach wenigen Takten als das größte und stärkste Lied vorkam, das mir je durch die Ohren gerauscht war.

Diese unkonventionelle Kraft in Calebs Stimme! Dieses so achtlose wie dringliche Gitarrenspiel! Unsere hitzeglühende Studienstadt Mainz schien sich augenblicklich in Nashville zu verwandeln. Ich hatte Lust, mich zu verlieben und wegzufahren. Konnten wir nicht tun, was immer wir wollten?

Das Ende eines Sommers

Das Gefühl von Freiheit, das durch unseren Clio strömte, hatten die Kings Of Leon 2009 bereits verloren. Mit jedem weiteren Album sah sich die Band auch in den kommenden Jahren dem Mainstream-Vorwurf immer wieder ausgesetzt. Was sie auch taten, es war nicht mehr so wie früher.

Im letzten Jahr haben Caleb, Jared, Nathan und Matthew mit „Can We Please Have Fun“ etwas geschafft, das keiner mehr für möglich hielt: sie haben all die Blockaden überwunden und ein so verspieltes wie kraftvolles Album vorgelegt.1

Wenn ich es heute höre, muss ich auch ein wenig an den Spirit von „The Bucket“ und Sarahs roten Clio denken. Zusammengekommen sind wir übrigens nie. Nach Ende dieses heißen Sommers sind wir einander nicht einmal mehr begegnet.

  1. Über dieses Album habe ich auf Musikblog eine Rezension geschrieben: https://www.musikblog.de/2024/05/kings-of-leon-can-we-please-have-fun/ ↩︎

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