SONG STORY #03: TOCOTRONIC – PROLOG
Am 1. Mai 2015 ist das Rote Album von Tocotronic erschienen. Farbe und Datum scheinen sogleich ein klares Bild zu ergeben. Es geht um Klassenkampf. Es geht um Revolution.
Als ich ein paar Tage später jenes offiziell unbetitelte Werk käuflich erwerbe, befinde ich mich auf dem Höhepunkt einer persönlichen Unruhe. Ich bin auf der Suche nach einer neuen Version meiner selbst. Dass mir das Rote Album bei dieser Suche helfen wird, ahne ich da noch nicht.
Obwohl unterbezahlter Verlagsvolontär hege ich in Sachen Aufruhr und Umsturz keine Ambitionen. Ein „Rebel Boy“ bin ich in diesem Sinne nicht. Doch kaum habe ich die ersten Takte des Albums gehört, dämmert mir, dass das mit dem 1. Mai womöglich sowieo nur eine Finte war.
Nebenthema: „Die Gifte im System“
Denn um „die Gifte im System“ und die revolutionäre Erhebung geht es auf dem elften Studiowerk dieser schon damals zum Mythos gewordenen Band nur in zweiter Linie. Viel zentraler scheint ein anderes, ebenfalls mit der Farbe Rot assoziiertes Themenfeld.
Als ich damals den „Prolog“, den Opener der Platte, höre, fühle ich mich sofort auf frappierende Weise angesprochen. Der leise oszillierende Bass, die zaghafte Drumline durchdringen mich. Ich bin offen und empfänglich – und vielleicht, frage ich mich, bin auch ich „aus Schwamm gebaut“?
Spätestens im Refrain des Stückes bekomme ich Gänsehaut. Wie es von Lowtzow, Müller, McPhail und Zank hier gelingt, eine subtil-gruselige, beinahe an H. P. Lovecraft erinnernde Spannung aufzubauen, ist bermerkenswert.
Was könnte das Ereignis sein?
Die große im Raum stehende Frage lautet für mich damals: Sind Wandel und Veränderung, ganz heglianisch gedacht, bereits in mir angelegt? Oder braucht es einen Anstoß von außen, der mich über mich selbst hinausführen wird?
Wenn – worauf ich hoffe – die Möglichkeit des Zufalls besteht, bleibt die Frage, ob auch mir das Glück einer solchen folgenreichen Begegnung mit dem Zufall vergönnt ist. Mit Tocotronic frage ich mich: „Was könnte das Ereignis sein?“
Als ich dieses bedrohlich brodelnde und doch nie seinen Rhythmus verlierende Stück bis zu seinem Ende gehört habe, weiß ich endlich, worum es in diesem Roten Album wirklich geht. „Liebe“, singt Dirk von Lowtzow, „Liebe wird das Ereignis sein.“
Bis es mich trifft, hoffe ich damals im Mai 2015, von einem warmen Schauer der Aufregung getragen, wird es hoffentlich nicht mehr lange dauern.


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