Alice im Schlösschen

Alice im Schlösschen
Alice Merton – Live in Frankfurt (14.01.2026)

Im winterlichen Dunkel des Frankfurter Holzhausenparks leuchtet es uns schon von Weitem entgegen. Hinter verlassenen Spielplätzen und zwischen unbelaubten, den düsteren Himmel durchkreuzenden Bäumen erkennen wir unser Ziel des heutigen Abends.

Der Bau des Holzhausenschlösschens wurde im Jahre 1729 fertiggestellt. Auftraggeber: die Familie Holzhausen, die älteste Familie Frankfurts, der es gelang durch geschickt eingefädelte Heiratsallianzen ihre Macht und ihren politischen Einfluss über 700 Jahre kontinuierlich zu mehren.

Während uns das Schlösschen in all seiner großbürgerlichen Pracht anstrahlt, denke ich, dass es doch immerhin ein feiner Zug des letzten echten Holzhausen gewesen ist, das Anwesen samt Park nach seinem Tod der Stadt zu vermachen.

Über den trockengelegten Burggraben

Statt borugeois über die Brücke zur Pforte zu schreiten, müssen wir zunächst einmal Schlange stehen. Der das Schloss umgebende Burggraben ist trockengelegt, links und rechts sehen wir Baustellengerät. Für das baldige 300-jährige Jubiläum wird das Schlösschen noch etwas aufgehübscht.

Dann sind wir endlich an der Reihe. Am Empfang nenne ich meinen Namen und schiebe sicherheitshalber eine Erklärung hinterher, warum ausgerechnet ich zu den Auserwählten zähle, die heute – zwei Tage vor dem Release – einen Einblick in das neue Werk von Alice Merton erhalten.

Drin im Schlösschen herrscht festliche Stimmung. Knapp 100 Menschen tummeln sich auf drei Stockwerken. Während man sich unten an kostenlosen Getränken bedienen darf, ist im ersten Stock eine Ausstellung aufgebaut. Auf Schautafeln wird hier die Entstehungsgeschichte von „Visions“, dem dritten Studioalbum Mertons, illustriert.

Statt es uns in einem der auf dem Parkett verteilten Sitzsäcken gemütlich zu machen und über Kopfhörer in „Visions“ hineinzuhören, holen Felix und ich uns lieber noch etwas zu trinken. Da es weder Wein noch Bier gibt, entscheiden wir uns für Kräutertee aus der Papp-Tasse. Wenn das der alte Holzhausen wüsste.

Auf der Empore

Beladen mit unseren Einwegtassen erklimmen wir das oberste Stockwerk. In sicherer Distanz zum Geschehen haben sich hier auf der Empore vor allem die älteren Besucher versammelt. Freundlich zur Seite rutschend, macht man den beiden Kräutertee-Millennials Platz. Und ja, denke ich, mit Blick hinunter auf die auf dem Boden sitzenden Teenager: vielleicht passen wir hier oben doch besser hin.

Als Alice und ihr jahrelanger Bandkollege und Gitarrist Regi Drake die Bühne betreten, löst sich die gespannte Stimmung mit einem Mal. Die jungen Mädchen holen ihre Smartphones hervor – und Alice begrüßt den kleinen Kreis. Sie freue sich, dieses erste Release-Event hier und heute in ihrer Geburtsstadt mit uns teilen zu dürfen.

Dass Alice von „Geburtsstadt“ und nicht von „Heimatstadt“ spricht, liegt daran, dass sie in Kanada aufgewachsen ist und erst im Teenageralter Deutsch lernte. Dass Weltbürgerinnentum hat sich die 32-jährige Künstlerin schon seit Anbeginn ihrer Karriere zum Programm gemacht. So trägt ihr größter Hit den für sich selbst sprechenden Titel „No Roots“.

Keine Wurzeln? Nö, stimmt nicht.

Dass Alice keine Wurzeln hat, stimmt natürlich nicht. Auch wenn sie keine Holzhausen ist, trägt sie doch den in der Mainmetropole nicht weniger klingenden Namen Merton, der ebenfalls für Geld, Macht und Einfluss steht.

Immerhin ist nach ihrem 1848 geborenen Ur-Ur-Großonkel Wilhelm Merton eine Schule, eine Stiftung und ein ganzes Wohnviertel benannt. Dem schwerreichen Unternehmer Merton ist unter anderem das Institut für Gemeinwohl zu verdanken, das die sozialen Probleme der Industriegesellschaft in den Blick nahm und später den Aufbau der Frankfurter Goethe-Uni mit vorantrieb.

Noch so ein netter Reicher, denke ich, während unten im großen Saal Alice Merton und Regi Drake den Titelsong des neuen Albums zum Besten geben. Die beiden sitzen auf schwarzen Sesseln, Regi spielt Gitarre, Alice greift hin und wieder zur Rassel. Ihre Stimme strömt kräftig und warm zu uns nach oben auf die Empore.

Zwischen den Songs erzählt Alice ein wenig davon, wie es zu einzelnen Stücken kam. Sie spricht von der kritischen Begleitung durch ihren Vater, von Nachrichten ihrer Freundinnen und vom Gefühl des Leerlaufs, das eine Musikerin ereilt, die anstatt einem bürgerlichen Lebensplan zu folgen, einfach nur Songs schreiben will.

Ein Hauch von Antikapitalismus

Dass es Alice all ihrer Erfolge zum Trotz nicht um Profite geht, dass sie es anders als ihr Urahn Wilhelm oder die ganze Holzhausen-Familie nicht darauf anlegt, ihr Kapital zu mehren, Macht zu gewinnen und Einfluss auszuüben, das nehmen wir der sympathischen Deutsch-Irin selbstverständlich ab.

Zur Beglaubigung dessen spielt sie den mit einem Hauch von Antikapitalismus gewürzten Song „Jane Street“, der sich explizit gegen den gleichnamigen US-amerikanische Finanzdienstleister richtet. „This isn’t Jane Street, made in America“, heißt es darin. Und weiter: „There’s still a heart in the words I pour out to you.“

Von solchen Gedanken getröstet, verfolgen wir die noch verbleibenden Stücke des kurzen und knappen Akustik-Sets. Als es schließlich vorbei ist und Alice unter stehenden Ovationen den Raum verlässt, sind Felix und ich überzeugt, uns gleich im persönlichen Gespräch mit Alice einen signierten Tonträger mitzunehmen.

Doch da wir in der hintersten Ecke der Empore sitzen und die Teenager-Mädels unten viel schneller sind, finden wir uns kurz darauf ganz am Ende einer sich durch das gesamte Schloss windenden Schlange.

Eine Revolte im Schlösschen?

Als wir zehn Minuten später noch immer an derselben Stelle stehen, befällt uns eine Mischung aus Ungeduld und Hunger. Schließlich gab’s nicht nur keinen Wein, sondern auch keine Häppchen – ein im Nachhinein betrachtet durchaus sympathischer antibürgerlicher Move.

Doch jetzt, es ist schon nach 21 Uhr, jetzt haben wir Hunger. Nicht ohne zu hadern, rauschen wir nach letzten Abwägungen an der Schlange vorbei. Ohne CD, ohne Autogramm, ohne Selfie.

Beim Hinausgehen sehe ich Alice, lächelnd und vertieft im Gespräch mit ihren jugendlichen Fans. Was sie wohl besprechen, frage ich mich. Ob sie sich beratschlagen, wie sie gemeinsam das System überwinden? Eine Revolte im Schlösschen? Das wär’s!


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